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Alltag mit Katze

Sie schloß die Wohnungstür hinter sich. Ein Blick noch auf die große braune Holztüre. Hatte sie alles ausgemacht? Die Lampen, den Herd, die Zigaretten? Die letzte Zigarette ausgedrückt? Wann hatte sie zum letzten Mal geraucht? Sie wusste es nicht mehr, versuchte sich zu erinnern. "Mama, Mama, Mama?" "Mama, Arm nehm." "Mama!" Sie schaute wieder zur Tür, sollte sie nochmal zurückgehen? Hatte sie etwas vergessen? Schlüssel, Führerschein, Portemonaie fühlte sie in der Tasche ihrer Lederjacke. Drinnen maulte Mietzi. Sie hörte das Miauen, es klang kläglich, fragend: "lass mich nicht allein, geh nicht fort." Miau: "bitte komm zurück". Die Katze hatte Wasser und Futter, sie hatte gerade noch eine Büchse aufgemacht.

Sie betrachtete das kleine Mädchen an ihrer Seite, das wartend neben ihr stand, voller Ungeduld und Fragen. "Mama, Mama, Mamaaaaa!" Hatte sie das Kind warm genug angezogen? Eine blaue Latzhose über dem weißen T-Shirt. Weisse Söckchen, die schwarzen Halbschuchen. Darüber die blaue Jeansjacke.

Die blonden Löckchen umspielten fröhlich das Gesicht des kleinen Mädchens, das wieder und wieder sein Gesicht fragend zur Mutter erhob, die Ärmchen hochstreckte und auf den Arm genommen werden wollte. Das Kind versuchte ständig die Aufmerksamkeit der Mutter zu erregen, zupfte an Mamas Jacke und lehnte sich schließlich an seine Mutter. Nochmal zurückgehen? Nein, besser nicht. Sie hatte wieder dieses beklemmende Gefühl, schon allein bei dem Gedanken an das, was sie drinnen erwartete. Nein, es war wirklich besser zu gehen. Frei sein. Ein paar Stunden alles hinter sich lassen. Einfach mal raus aus der gewohnten Umgebung. Sie bückte sich, nahm das Kind auf den Arm, gab ihm einen Kuss auf die Wange. Das Kind lachte und legte seine Ärmchen um Mutters Hals, hielt sich mit den Beinchen fest, wie mit Saugnäpfchen am Gürtel der Mutter. Noch einen letzten bangen Blick zurück, zur Nachbarstür, ins Haus hinein horchend, stieg sie die Treppe hinunter. Ihre Pflanzen im Hausflur brauchten auch wieder Wasser.

Unten in der Wohnung links, wohnte die nette Nachbarin mit den beiden Kindern, zwei Mädchen. Das eine Mädchen war gerade in die erste Klasse der Grundschulde gekommen, das andere Mädchen war nun in der vierten. Die Nachbarin lebte allein mit ihren Kindern, sie war geschieden. Sie kämpfte sich durch das Leben, in ständiger Angst vor den Leuten, dem Vermieter, immer ein schlechtes Gewissen, dass sie nicht den Ansprüchen der Gesellschaft entsprach, weil sie gegen vieles war. Weil sie soviel nicht begriff an dem alltäglichen Umgang der Menschen miteinander. Sie wagte es, sie selbst zu sein und wußte, daß sie ihren Kindern dadurch das Leben erschwerte. Ob sie die Nachbarin fragen sollte mitzukommen? Den wunderschönen Frühsommertag draussen genießen? Die Kinder könnten zusammen spielen, irgendwo auf einer Wiese. Nein, lieber nicht. Sie wollte doch lieber alleine sein, mit sich und ihren Gedanken und dem Kind. Sie ging die letzten Treppen hinunter an der Wohnung vorbei, zur Haustür, öffnete diese und stand draussen, im Freien, noch die letzten beiden Stufen und sie stand auf dem Parkplatz. Sie ging mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm zu ihrem kleinen roten Auto, schloss die Beifahrertür auf, setzte das Kind in den Storchenmühlesitz auf der Rücksitzbank, schnallte die Sicherheitsgurte um das zappelnde Mädchen. Dann schloss sie die Autotür.

Noch ein letzter Blick hinauf zu den Fenstern im ersten Stock, dort saß ihre Katze mit dem weißen Bauch und dem grauweiß getigerten Rücken und schaute mit klugen Augen zu ihr hinunter. Mietzi wußte vieles. Manchmal überlegte sie sich, ob diese Katze allwissend war. Sie hörte das Auto ihres Herrchens schon kommen, wenn der Kilometer weit entfernt war. Dieses Tier täuschte sich nie. Zusammen gerollt in ihrem Körbchen schlafend, erhob sie plötzlich ihr Köpfchen, streckte sich und lief miauend zur Fensterbank. Dort saß sie dann und schaute aus dem einen Fenster, an dem sie nur saß, wenn Herrchen oder Frauchen nach hause kommen mußten oder wenn man wegfuhr. Und nun saß sie auch wieder dort und schaute so klug und wachsam aus diesem Fenster.

Ob die Katze wußte, wie unglücklich sie war in dieser Ehe? Mit dem Mann, den sie schon solange kannte, genausolang wie ihr Haustier. Mietzi war ausgesetzt worden in jenem Winter, als sie den Mann kennengelernt hatte. Sie hatte die Katze damals aufgenommen und wieder hochgepäppelt, eigentlich gegen den Willen des Mannes, der keine Haustiere wollte. Aber die Frage wohin mit dem Tier, konnte er auch nicht beantworten. "Setz sie dorthin zurück, wo du sie her hast", meinte er. Also in den Vorraum des Studentenwohnheimes, in dem sie damals gewohnt hatte. Nein, wirklich nicht, das Tier war am verhungern gewesen. Manchmal wurde es gestreichelt, wenn es scheu um die Beine der Kommilitonen strich, doch manch einer hatte die Katze mit einem Fußtritt verscheucht.

Sie war damals noch ganz jung gewesen. Kinder hatten sie gefunden und die junge Studentin, die gerade in den Vorraum des Wohnheims getreten war, gefragt, ob sie sie nehme könne. Die Kinder hatten schon ihre Eltern gefragt. Doch auch dort nur ein Nein zur Antwort bekommen. Draussen war Winter, Schnee bedeckte die Wege. Es war bitter kalt. Sie erfuhr, daß die Katze schon seit Tagen in diesem Vorraum lebte. Seufzend liess sich die Studentin das Katzenkind auf den Arm setzen, betrachtete das abgemagerte Tier, streichelte es, beruhigte die Kinder und nahm es mit in ihre kleine Wohnung. Dort angekommen schloss sie die Tür hinter sich und setzte das junge Kätzchen auf den Boden. Es war Sonntag, sie war soeben zurück gekommen, aus den Semesterferien zuhause und hatte ausser Brot und Kaffee nichts da. Einkaufen konnte sie auch nichts. Ob so eine junge Katze trockenes Brot fraß, vielleicht mit Wasser aufgeweicht? Das Tierchen schnupperte daran, probierte und fraß ein wenig.

Die Studentin sperrte die Katze in die Naßzelle und ging zurück zum Parkplatz, um die Sachen aus dem Auto zu holen und in der kleinen Wohnung einzuräumen. Sie mußte sich beeilen, denn sie war verabredet mit ihrem Freund. Se durfte nicht zu spät kommen, der Freund würde dafür kein Verständnis haben, auch nicht wenn sie ihm von der Katze erzählte. Er würde sie auslachen und ihr wieder erklären, dass sie spinnt. Sie liebte ihren Freund, sie hatten viele ähnliche Interessen, konnten herrlich miteinander lachen, mochten dieselbe Musik, liebten die Natur. Aber ihre Tierliebe begriff er nicht. Er kümmerte sich nicht um die kleinen Wesen, die irgendwo verletzt lagen. Sie konnte nie an einem kranken Tier vorbeigehen. Sie sah die Augen der Tiere, sah das Leid, den Schmerz der hilflosen kleinen Kreaturen und nahm sie mit nach hause. Manchmal hatte sie einen kleinen Zoo zuhause: ein aus dem Nest gefallener Spatz, eine verwundete Maus, von den spitzen Zähnen einer Katze erwischt, einen Igel, der irgendwo am Strassenrand lag, angefahren und blutend, aber lebend. Sie brachte die Tiere zum Tierarzt, saß Stunde um Stunde in dessen Praxis und streichelte ihre kleinen Findeltierkinder. Die Meisten wurden vom Tierarzt kopfschüttelnd eingeschläfert, er konnte sie nicht retten. Sie bezahlte diese Spritzen. Dann fuhr sie heim und weinte. Ihr Freund begriff sie nicht. "So ein Theater wegen einer Kleinigkeit. Hättest du das Vieh da liegen lassen, wo es lag, dann bräuchtest du jetzt nicht zu heulen. Wann begreifst du endlich, daß es nicht deine Aufgabe ist, dich um diese blöden Viecher zu kümmern."

Sie bekamen immer Krach deswegen. Er würde sie wieder ausschimpfen, denn diesmal hatte sie einen Stubentiger aufgenommen. Es würde schwer werden, ihm das zu erklären, sie würde das Tier behalten, denn es brauchte ein Zuhause, konnte nicht einfach wieder in die freie Natur entlassen werden. Sie seufzte innerlich, schaute auf die Uhr. Nocheinmal Sachen vom Auto in das Appartement im 3. Stock tragen, dort nocheinmal nach der Katze schauen. Dann mußte sie abfahren, es war höchste Zeit. Sie würde es wahrscheinlich nicht rechtzeitg schaffen und wieder Vorwürfe bekommen, weil sie seinen Erwartungen nicht entsprach.

Das war damals gewesen, Jahre zurück. Damals, als sie noch kein Knd gehabt hatte, eine eigene kleine Wohnung, damals als sie den jungen Mann kennengelernt und sich in ihn verliebt hatte. Sie waren zusammen geblieben, trotz der Krachs, trotz der Meinungsverschiedenheiten. Auch Mietzi hatte ein Zuhause bei ihnen gefunden. Die kleine Katze, die von ihrem Freund nachts wieder ausgesetzt worden war und zurückkam, die Treppen hoch, vor die Türe ihrer kleinen Wohnung und die ganze Nacht kläglich schrie und weinte, bis es sogar ihrem Freund zuviel wurde, und er aufstand und das Tier in die Wohnung holte. Irgendetwas an dem miauenden Wesen hatte ihn überzeugt, die Katze durfte bleiben.

Später als die junge Frau schwanger wurde, war das Zuhause von Mietzi wieder schwer in Frage gestellt. Nicht von der jungen Frau, die wieder alle Überzeugungskraft aufbot und es für ihre kleine Hausgenossin aufnahm. Sie würde Mietzi nicht weggeben, komme was wolle. Aber der Mann und seine Familie fürchteten um das Leben des Babies, hatte man doch soviel gehört über Katzen, die sich auf Babygesichter legten und sie dadurch erstickten. Katzenhaare, die gefährlich für die Lunge waren. Die spitzen Krallen, die das Baby verletzen konnten. Wieder stand sie allein in ihrem Kampf um ihr Haustier, allein gegen die gesamte Famlie, die ihr Verantwortungslosigkeit vorwarf. Wieder gewann sie den Kampf gegen alle, ausgelacht, verspottet und unverstanden.

Die Katze und das Kind waren Freunde geworden. Von kleinauf an war das Tier um das Kind gewesen, besorgt, aufmerksam, interessiert. Sie betrachtete die kleine Erdenbürgerin, erkannte schnell, daß sie Abstand halten mußte, doch sie war immer in der Nähe.

Vor dem Einsteigen schaute sie noch einmal nach oben, nickte Mietzi zu, setzte sich in ihr Auto, ein Blick auf das Kind auf dem Hintersitz, startete den Motor, Rückwärtsgang rein, runter vom Parkplatz, Vorwärtsgang und auf ging's ... ein paar Stunden in die Freiheit. Ein paar Stunden vergessen, daß sie einen Mann hatte, dessen Erwartungen sie nie erfüllen konnte, der mit nichts zufrieden war und nun, an diesem Sonntag nachmittag auch wieder vor dem laufenden Fernsehgerät verbrachte, in einen Wildwestfilm vertieft mit einem Buch in der Hand. Sie konnte nicht mit ihm sprechen, er war taub für jedes Wort von ihr. Wenn sie an ihn dachte, hörte sie ihn sprechen: "Schatz, machst du mir einen Tee?" "Schatz hast du schon die Betten gemacht?" "Schatz, kannst du mir bitte eben den Knopf annähen?" "Schatz, was machst du uns denn Schönes zu essen?" Forderungen, Wünsche, Erwartungen. Jeden Abend die gleichen Worte, jedes Wochenende der gleiche Ablauf, die gleichen Themen, ein Leben monoton und aus Phrasen. Leben? So hatte sie sich ihr Leben nicht vorgestellt.


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